„Frauen und Männer sollen von der Genderforschung profitieren“

19.11.2017 (Frauen Union Enzkreis/Pforzheim)

Professorin Regina Ammicht Quinn, Direktorin des Zentrums für Gender und Diversitätsforschung (ZGD) der Universität Tübingen, zu Gast bei Frauen Union Enzkreis/Pforzheim

Im Rahmen eines Ladies-Lunch im Pforzheimer Schlosskeller durften die Vorsitzende der Frauen Union Enzkreis/Pforzheim Alexandra Baur und ihre Vorstandskolleginnen am 6. November 2017 die Professorin und Direktorin des Zentrums für Gender und Diversitätsforschung der Universität Tübingen, Regina Ammicht Quinn als Referentin begrüßen. Ammicht Quinn war von 2010 bis 2011 Mitglied der baden-württembergischen Landesregierung. Ministerpräsident Stefan Mappus hatte die studierte Theologin als Staatsrätin für interkulturellen und interreligiösen Dialog nach Stuttgart geholt. Heute widmet sich Regina Ammicht Quinn schwerpunktmäßig dem Thema Genderforschung, welches auch im Mittelpunkt ihres Vortrages zum Thema „Der Streit um Gender und Genderforschung“ stand. Ein Thema, das aktueller nicht sein könnte, wie FU-Vorsitzende Alexandra Baur in ihren Begrüßungsworten bemerkte. Den Beweis lieferte sie in Form eines Ortsnachrichtenblattes ihrer ehemaligen Heimatgemeinde, in welchem von  einer „Frau Stadtrat“  die Rede war.

Ammicht-Quinn wählte einen historischen Abriss als Einstieg in die Erläuterung der Begriffe Gender und Genderforschung. Gender bedeute ganz nüchtern betrachtet zunächst einmal nur „Geschlecht“.  Die Generforschung unterteilte sie in mehrere Phasen. 1865 habe die erste Deutsche Frauenkonferenz zu den Schwerpunktthemen Frauenbildung, Frauengesundheit und Frauenarmut stattgefunden. Zunächst sei es hier vor allem darum gegangen, gleiche Rechte für beide Geschlechter zu erreichen – wie beispielsweise das Frauenwahlrecht das im November 1917 in Kraft getreten sei. In den 70-er und 80-er Jahren rückte vor allem eine Betonung der Unterschiedlichkeit beider Geschlechter in den Mittelpunkt der Generforschung. Erstmals gelangten besondere Frauenthemen an die Öffentlichkeit aber auch Themen wie sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder. Eine Themenfeld, das sich, so Ammicht-Quinn, bis zum heutigen Tage nicht erledigt habe. Nach den beiden genannten Phasen gehe es in der heutigen Genderforschung eher um eine Analyse und Kritik der Geschlechterverhältnisse. Man stelle sich heute Fragen wie „Ist ein Geschlecht mit einem bestimmten Ort oder einer bestimmten Rolle in der Welt verbunden?“ oder „Werden Geschlechter mit bestimmten Tugenden verbunden?“. Hier prangerte Ammicht-Quinn die Tatsache an, dass es immer noch wesentlich mehr Frauen in sozialen Berufen gebe als Männer. Aus ihrer Sicht sind die Gründe hierfür gesellschaftlich verortet. Dieser Zustand stelle vor allem dann eine klare Diskriminierung von Männern dar, wenn diese beispielsweise den Wunsch hegten, Erzieher im Kleinkindbereich zu werden. Männer hätten es in diesem Berufsfeld eindeutig schwerer als Frauen. Insgesamt ist Ammicht Quinn davon überzeugt, dass klare Rollenbilder zu Ungerechtigkeiten für beide Geschlechter führen. Die heutige Genderforschung beschäftige sich darüber hinaus mit der grundsätzlichen Frage, ob es überhaupt zwei klar abgegrenzte Geschlechter gebe. Es sei medizinisch erwiesen, so die Professorin, dass das Geschlecht ein Kontinuum sei, auf dem wir uns verorten. So gebe es beispielsweise eine Quote von 1:2000 Säuglingen, die intersexuell, also ohne klar definiertes Geschlecht zur Welt kämen. Meist würden diese dann zu Mädchen umoperiert. Diese unsichtbaren Menschen und Schicksale müssten, so Ammicht Quinn, sichtbar gemacht werden. 

Ursachen für die durchaus vorhandene kritische Haltung zur Genderforschung sieht Regina Ammicht Quinn in einer Restabilisierung gesellschaftlich verankerter Lebensmuster. Hier spielten vor allem Ängste eine Rolle, dass Arbeit und Familie nicht mehr so gut funktioniere, wenn sich gesellschaftliche Rollen verändern. Gleichstellungspolitik stelle zudem die Komplexität der Welt in den Mittelpunkt, die konservatives Denken oft zu reduzieren versuche.

Mit Blick auf die Frage, welche politischen Forderungen sich aus der Genderforschung ergeben, wurde Ammicht Quinn sehr konkret: Grundsätzlich müssten Frauen und Männer von der Genderforschung profitieren. Menschen müssten dort, wo sie unsichtbar sind, sichbar gemacht werden. Frauen benötigten auch heute weltweit Unterstützung und die Möglichkeit über ihre Bedürfnisse zu sprechen. Achtsamkeit in der Sprache sei besonders wichtig, denn dadurch entstünden Muster in unseren Köpfen. Es müssten mehr Möglichkeiten geschaffen werden, dass Fürsorgearbeit bspw. in der Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen teilbar wird. Auch mit Blick auf bevorstehende gesellschaftliche Umbrüche wie Integration oder Digitalisierung hält Ammich Quinn die Geschlechterfrage für besonders wichtig. Zu hohe Erwartungen bremste Ammich Quinn jedoch mit einem Blick in den jüngst veröffentlichen Global  Gender Gap Report, der Deutschland zwar mit Platz 12 in der Liste der Länder ein recht geringes Gender Gap bescheinige, bis das Gap geschlossen sei  dauere es bei aktuellem Tempo jedoch noch 217 Jahre.

Im Anschluss an den Vortrag entstand eine lebhafte Diskussion zu den angesprochenen Themenfelder an der sich zahlreiche Gäste beteiligten.